Berichte
aus dem Bereich Erasmus+
Lernen ohne Noten?
Dank Erasmus+ konnten auf diese und viele weitere spannende Fragen Antworten gefunden werden
Nach den Osterferien hatten Katrin Buchzik-Weber und Tim Schilp die Gelegenheit, im Rahmen des Erasmus+-Job-Shadowings eine Woche lang am Aarhus Tech Gymnasium zu hospitieren. Als die beiden Lehrkräfte ganz im Sinne von „Green Erasmus“ mit dem Zug in das 900 km entfernte Aarhus fuhren, hatten sie sehr viele Fragen nicht nur den eigenen Fachunterricht, also den Kunst-, Englisch- bzw. Geographieunterricht, betreffend, sondern auch Fragen zu Digitalisierung, Einsatz von KI, Handyordnung, Umgang mit dem Thema Nachhaltigkeit, Abituraufgaben, Leistungsmessung, Vergleich des deutschen und des dänischen Schulsystems und zu vielen weiteren Themen im Gepäck, die nicht nur die beiden, sondern das MWG-Kollegium interessierten.
Natürlich setzt eine Woche voller vielfältiger Möglichkeiten für Hospitationen, Gespräche mit Lehrern, Schülern und der Schulleitung eine arbeitsintensive Vorbereitung und Begleitung während des Job-Shadowings voraus. Unser besonderer Dank gilt deshalb der Erasmus+-Koordinatorin Marie With Bøje, sowie Christoffer Poulsen und Søren Graae Rasmussen für ihre fantastische Arbeit, die das Job-Shadowing für Katrin Buchzik-Weber und Tim Schilp zu einem großen Erfolg werden ließ.
Nun aber zu den Eindrücken, Ideen und Antworten aus Aarhus: ein Erfahrungsbericht von Katrin Buchzik-Weber und Tim Schilp.
Unser erster Eindruck: „Die Dänen lieben Projektunterricht!”
Als wir am ersten Tag durch die Pforten unserer dänischen Partnerschule treten, fällt uns sofort die moderne, helle und offene Architektur auf. Das zu einer Schule umfunktionierte Gebäude einer ehemaligen Textilfabrik beeindruckt uns vor allem durch die vielen weitläufigen Flure und die zentrale Halle, die zahlreiche Bereiche zum Arbeiten in Gruppen und für kreatives Schaffen bietet. Neben den bekannten Fächern wie Englisch, Mathematik oder Sozialwissenschaften hat das Aarhus Tech Gymnasium C einen Schwerpunkt auf Technologie und Design. Dass so manches unüblicher abläuft als an bayerischen Gymnasien, konnten wir bereits in den ersten Unterrichtsstunden unserer Hospitation beobachten. In den „Technology and Design“-Kursen arbeiteten die Schüler in Gruppen an der Entwicklung bzw. Optimierung eines konkreten Produkts. Es geht um Projektmanagement, Designkonzeption und die konkrete digitale und physische Umsetzung. In diesem spezifischen Fach haben sie einmal pro Woche den ganzen Vormittag Zeit, an ihrem Endprodukt zu arbeiten.
Während der Unterrichtszeit herrscht eine Arbeitsatmosphäre, die eher an einen Co-Working-Space in einem Tech-Unternehmen erinnert. Die Schüler arbeiten vertieft an ihren Laptops, diskutieren miteinander, machen aber auch Pausen und chatten zwischendurch auf dem Handy. Die moderne Holz- und Metallwerkstatt darf von den Schülern nach einer Einweisung ebenso genutzt werden wie der schulinterne Makerspace mit Lasercutter und 3D-Druckern. In den Werkstätten steht den Schülern jeweils ein ausgebildeter Tutor zur Seite. Außerdem sind an der Schule Quereinsteiger, z.B. Programmierer, Designer und Historiker, unterstützend tätig.
Auch in den traditionelleren Fächern wie Englisch, Mathematik oder Sozialwissenschaften wird immer wieder projektartig gearbeitet. Wenn auch eher über kürzere Zeiträume.
Nachhaltigkeit und Lebensweltbezug
Bei den Projekten orientieren sich viele Lerneinheiten an konkreten Fragestellungen, die sich aus dem lokalen Kontext ergeben (z. B. „Wie zeigt sich Englisch als Lingua Franca in Aarhus?”). Dabei wird auch das Thema Nachhaltigkeit mit einbezogen, häufig mit der Erweiterung um globale Perspektiven. So werden die „Sustainable Development Goals“ an der Schule beispielsweise über fächerübergreifende Projekte (zum Beispiel zum Thema Geschlechterungleichheit im globalen Kontext) thematisiert. Darüber hinaus gibt es einzelne Schülerinitiativen der „Global Group”. So wird das in der Schule gesammelte Pfand für Projekte zur Schulbildung und Frauenförderung in Kenia verwendet.
Vertrauen, Eigenständigkeit und Teamwork
Die Atmosphäre in den Klassen, im Lehrerzimmer und zwischen Lehrern und Schülern haben wir als sehr angenehm und entspannt wahrgenommen. Daher überrascht es nicht, dass sich alle duzen – selbstverständlich auch die Schüler ihre Lehrer. Gleichzeitig arbeiten die Schüler erstaunlich produktiv, obwohl ihnen ungewohnt viele Freiheiten gewährt werden. Doch worauf gründet sich diese Haltung zum Lernen?
Eine Schülerin fasst es treffend mit den Worten „Vertrauen und Verantwortungsbewusstsein” zusammen. Den Schülern wird sehr viel Vertrauen entgegengebracht. Vertrauen, dass sie die Ressourcen verantwortungsvoll nutzen. Gleichzeitig wird ihnen eine hohe Verantwortung für den eigenen Lernprozess übertragen.
Bereits in der neunjährigen Volksschule und insbesondere mit Eintritt in das dreijährige Gymnasium (vergleichbar mit der 11. Klasse und der Profil- und Leistungsstufe) werden die Schüler systematisch darauf vorbereitet, möglichst selbstständig und kooperativ zu lernen. In praktisch jedem von uns besuchten Unterrichtsmodul gab es mindestens kurze Gruppenarbeitsphasen. Die Schüler kooperieren dabei zunächst in festen Teams und später in selbstgewählten Gruppenkonstellationen.
Teamarbeit und Vertrauenskultur sind dabei nicht nur auf die Schüler beschränkt, sondern prägen die gesamte Organisationsstruktur der Schule. Die Lehrer sitzen beispielsweise regelmäßig zum Mittagessen zusammen und planen Projekte gemeinsam. Auch bei der Verwaltung der Budgets haben die Lehrer gewisse Freiheiten: So hat jede Lehrkraft pro Kurs 150 Kronen (20€) pro Schüler zur freien Verfügung, sodass die Schüler Material für ihr Projekt besorgen können.
Auch die Lehrpläne gestalten sich eher als Rahmencurricula, sodass die Schulen und Fachschaften einen größeren Entscheidungsfreiraum haben, wie sie die Vorgaben innerhalb ihres lokalen Kontexts umsetzen. So werden z.B. am Aarhus Tech Gymnasium im Englischunterricht verstärkt Texte mit technischem und philosophischem Bezug gelesen. Insgesamt wird großer Wert auf Transfer gelegt, während klassische Wissensvermittlung und spezifische Inhalte eine untergeordnete Rolle spielen.
„Aber was ist mit den Noten?”
„Wie konkret funktioniert denn jetzt die Leistungsmessung? Wann und wie findet diese statt?” Diese Fragen interessierten uns brennend, aber sie waren zunächst gar nicht so leicht, in den Gesprächen mit Schülern und Lehrern herauszufinden. Es gibt hauptsächlich am Ende des Schuljahres schriftliche und mündliche Leistungsmessungen mit Noten. Vorher werden regelmäßig Aufgaben und Abgaben eingefordert, an denen die SuS häufig über einen längeren Zeitraum in Gruppen oder allein eigenständig innerhalb der Unterrichtszeit oder zu Hause arbeiten.
Uns fällt auf, dass die Aufgaben und die Prüfungskultur deutlich stärker prozessorientiert sind. Oft wird ein Ziel vorgegeben, das erreicht bzw. abgegeben werden soll (z. B. ein Projektbericht und eine Präsentation zu einem Aspekt sozialer Ungerechtigkeit in der Stadt oder ein zu fertigendes Produkt/Modell). Wie dieses Ziel erreicht wird, dafür haben die Schüler(gruppen) relativ viele Entscheidungsfreiheiten. Konkret kann das bedeuten, dass sie auch die zeitliche Einteilung, wann sie an dem Projekt arbeiten, selbst vornehmen können.
„It’s freedom with consequences“, erklärt die Schülerin, als wir sie danach fragen, wie sie damit umgehen, in großer Freiheit und Eigenständigkeit arbeiten zu dürfen. Den Schülern ist bewusst, dass dennoch eine Abgabe zu erledigen ist und am Schuljahresende ein Examen ansteht.
Digitale Vorreiter?
Die Umsetzung der Digitalisierung hat uns in besonderer Weise interessiert, da die Dänen in diesem Bereich als besonders fortschrittlich gelten. Wenngleich die digitale Infrastruktur, wie digitale Lernplattformen, die flächendeckende Nutzung von Laptops sowie die überwiegend digitale Bereitstellung von Unterrichtsmaterial, bereits seit vielen Jahren zuverlässig funktioniert, werden doch zunehmend kritische Stimmen laut. So lernen dänische Schüler aktuell bereits ab der siebten Klasse fast ausschließlich mit dem Computer. Mittlerweile fordern jedoch wieder mehr Lehrer die gezielte Integration analoger Formate wie das Schreiben per Hand, auch in höheren Klassen.
Die Dringlichkeit, analoge Formate wieder stärker in den Fokus zu rücken, wird durch die fortschreitende Entwicklung Künstlicher Intelligenz zusätzlich befeuert. So haben wir unter anderem in einer Austauschrunde über die Nutzung von KI im Unterricht mit dänischen Lehrkräften erfahren, dass in schriftlichen Hausarbeiten und Projektberichten zunehmend KI-generierte Inhalte von den Schülern abgegeben werden. Deshalb wird noch stärker darauf Wert gelegt, dass die SuS die Inhalte und Hintergründe ihrer Arbeiten in einem Prüfungsgespräch erklären können.
Aber auch die Wiedereinführung analoger und somit hilfsmittelfreier Teile in Prüfungen wird wieder diskutiert. Laut den Lehrern wurde dies bereits für die Fächer Spanisch und Französisch umgesetzt. Das bedeutet für die dänischen Kollegen eine deutliche Umstellung ihres Unterrichts. Bisher wurden die schriftlichen Klausuren ausschließlich am Computer geschrieben. Es gibt zwar technische Lösungen wie die Software Exam Cookie, die betrugsfreie Leistungsmessungen garantieren soll, diese scheinen jedoch nicht immer reibungsfrei zu funktionieren.
Hinsichtlich der Handynutzung variieren die Ansätze zwischen den einzelnen Schulen. Während die Handynutzung am Technischen Gymnasium in Aarhus City weniger explizit eingeschränkt ist, wurden Handys am Allgemeinbildenden Gymnasium in Aarhus Tilst, wo wir an einem Tag hospitieren durften, vor jeder Stunde von den Lehrkräften eingesammelt und in einem Tresor verschlossen.
Insgesamt fällt auf, dass es in den meisten Klassen eine etablierte Kultur zu geben scheint, digitale Endgeräte nur dann zu nutzen, wenn die Lehrkraft dies anordnet. So haben die Lehrkräfte die Schüler regelmäßig aufgefordert, ihre Laptops zu schließen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Ein Großteil des Unterrichts ist digital organisiert (z. B. über OneNote oder die schulische Organisationsplattform), doch ein Teil der Lehrerschaft setzt wieder verstärkt auf klassische analoge Materialien wie Arbeitsblätter und Tafelanschriebe.
Erasmus+-Job-Shadowing als große Chance
Insgesamt hat uns der Aufenthalt in Aarhus die seltene Gelegenheit gegeben, Unterricht und Lernen mit neuem Blick zu betrachten und die eigene Praxis zu reflektieren. Der intensive Austausch mit den dänischen Kolleginnen und Kollegen über pädagogische Grundsätze und den konstruktiven Umgang mit Digitalität und KI im schulischen Kontext ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie auf europäischer Ebene trotz aller Unterschiede gemeinsame Lösungen und Ansätze diskutiert werden können.
Neben dem herzlichen und professionellen Austausch mit den dänischen Kolleginnen und Kollegen wurden erste Pläne für einen möglichen Besuch einiger Schülerinnen und Schüler des Aarhus Tech Gymnasiums am Markgräfin-Wilhelmine-Gymnasium geschmiedet.
Fortsetzung folgt – dank Erasmus+!

